no fear
Alban starb bei einem Verkehrsunfall in München-Milbertshofen am frühen Morgen des 2. Februar. Die Polizei vermutete, die Unfallursache sei überhöhte Geschwindigkeit, Alkoholeinfluss nicht ausgeschlossen. Die Untersuchungen ergaben allerdings, dass der Grund für die Kollision an der Kreuzung Schleissheimerstrasse / Frankfurter Ring eine defekte Ampel war. Die Ampel war ausgefallen, als sie um 4.30 Uhr morgens vom „Achtung“-Blinken des Nachtbetriebs auf rot hätte umschalten müssen. Für den LKW-Fahrer zeigte sie bereits grün. Albans Fiat wurde von dem LKW frontal erfasst. Alkohol hatte Alban nicht getrunken.
Nachdem die Unfallursache geklärt war, blieben doch einige Frage offen: Am Vorabend des Unfalls war Alban noch in Hamburg in seiner Stammkneipe gewesen. Er hatte niemandem von der Fahrt nach München erzählt. Die Polizei fand keine Gepäckstücke am Unfallort. Und in Albans Hamburger Zimmer brannte das Licht, der Plattenspieler drehte sich noch und der Computer lief auf Standby.
Alban war der Sohn eines Hamburger Softwareherstellers, ein Kind mit einer außergewöhnlichen Begabung für Mechanik, für Masse und Geometrie, Ein- und Ausfallwinkel und für Kraftübertragung. Während andere Kinder Fußball spielten, stand er im Hobbykeller der elterlichen Villa und spielte Billard. Nachmittags spielte er gegen sich selbst und abends gegen den Vater, der bald keine Chance mehr hatte. Mit sechs Jahren wurde Alban Mitglied im Billardverein. Der Trainer schickte ihn auf Lehrgänge und zu Leistungstrainings. Bei Turnieren trat er immer in der nächsthöheren Altersklasse an. Alban sammelte Pokale.
Alban wurde dreizehn und fing an, seine Pokale in der Schule gegen CDs einzutauschen. Bei den Turnieren wollte er nicht mehr in weißem Hemd mit Fliege spielen. Er hatte keine Lust mehr auf die Analysevideos seines Trainers. Statt dessen ging er in Schüler-Cafés. Dort rauchte er Zigaretten und spielte Flipper. Sein Kürzel in den High-Scores war SEX.
Mit fünfzehn Jahren hörte Alban endgültig auf, Billard zu spielen. Sein Trainer war enttäuscht, redete von Vertrauen und Bruch und Alban ging ins Café. Dort war er weit vorne: Er hielt die High-Scores beider Flipper. Wirklich erfolgreich aber wurde Alban, als er alt genug war, abends durch die Kneipen zu ziehen. Einen Winter lang hielt er den High-Score jedes Flippers am Kiez. Man kannte ihn, und man redete über ihn.
Mit neunzehn machte Alban das Abitur. Er hätte besser sein können, sagte seine Mutter, wenn er nachts weniger in den Kneipen unterwegs gewesen wäre. Am Tag der Zeugnisverteilung fand abends der Abiturball statt. Nach den Pflichttänzen verschwand Alban. Er ging in eine Kneipe, bestellte Sekt und spielte an einem alten Flipper namens „No Fear“. Die Multiball-Funktion forderte ihn und er brauchte länger als gewöhnlich für den High-Score. Nach dem zwölften Sekt hatte er alle zwölf Plätzen der Bestenliste belegt. Er betrachtete die Anzeige und beschloss, sich in allen deutschen Städte mit mehr als 100 000 Einwohnern bei mindestens einem „No Fear“-Flipper den High-Score zu erspielen. Alle wollten nach dem Abitur verreisen. Alban hatte jetzt seinen Grund, es auch zu tun.
Er fuhr den ganzen Sommer durch Deutschland, systematisch von Süden nach Norden. Die Namen der Kneipen, das Datum und die erreichte Punktzahl trug er in eine Liste ein. Am Abend seiner Rückkehr nach Hamburg ging er in die Kneipe, bestellte Kir Royal und verdrängte sich selbst vom High-Score. Auf Platz Eins stand nun ARD – Alban Regiert Deutschland.
Im Oktober begann Alban ein Informatik-Studium. Er beschränkte das Flippern darauf, in einer Kneipe bei einem Flipper die ständige Nummer Eins zu sein. Der Automat hieß „Attack from Mars“, war ein Nachfolgemodell von „No Fear“ und zog die besten Leute der Stadt an. Albans Kürzel war von nun an BUG. Solange er in der Stadt war, sollte in diesem High-Score BUG blinken – ein Fehler, den niemand würde beheben können.Bei einem Routinebesuch Anfang Januar stellte er fest, dass BUG den ersten Platz verloren hatte. Den High-Score hielt XXL. Alban kannte XXL nicht, freute sich heimlich und flipperte. Er brauchte eine knappe halbe Stunde.
Ab diesem Zeitpunkt stand XXL immer wieder auf Platz Eins, wenn Alban in die Kneipe kam. Bei einem Wochenendausflug zur Ostsee stellte er fest, dass er auch an den alten „No Fear“-Geräten von XXL überholt worden war. Als Alban zurück in Hamburg war, ging er die Kneipen und Spielhallen ab, um sich nach neuen Spielern zu erkundigen. Niemand kannte XXL. Allerdings zeigte sich, dass XXL ausschließlich an den Automaten den High-Score hielt, in deren Bestenliste auch Alban vertreten war. Er ging in seine Stammkneipe und spielte so lange, bis er alle Plätze belegt und XXL vollständig von der Bestenliste verdrängt hatte. Dann setzte er sich neben den Flipper und wartete. Nach dem dritten Bier ging Alban pinkeln. Als er zurückkam, war XXL wieder auf Platz Eins. Niemand in der Kneipe wollte etwas gesehen haben.
Alban beschloss, XXL offen zum Wettkampf herauszufordern. Er inserierte in Zeitungen, hängte Zettel an die Flipper und an die Seitenfenster seines Autos. Er wartete zwei Wochen. XXL meldete sich nicht.
Bei der Durchsuchung von Albans Zimmer prüfte die Polizei Albans E-Mails und fand folgende Nachricht: „Endspiel am 02.02.04, 5 Uhr morgens im „Substanz“, Ruppertstraße 28, München-Sendling.“ Die Nachricht stammte von Samstag Abend, 20.30 Uhr. Ihr Absender konnte nicht zurückverfolgt werden.
Von MC Schlausel
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